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Wenn die Tippelt angreift…

„Wenn die Tippelt angreift, geh in Deckung!“– Die Tippelt heißt mit Vorname Sabine und ist Landtagsabgeordnete der SPD. Ich habe mir vorgenommen, ein Porträt über sie zu schreiben. Meine Kollegen schicken mich nicht ohne diese Warnung los.

Jetzt sitze ich mit Tippelt in Delligsen auf ihrer Terrasse. Wir trinken zusammen Kaffee. Ich sage ihr, dass ich gerne über ihre Biografie und ihre Emotionen schreiben will. Sie zieht eine Augenbraue hoch und knallt mir gleich zu Anfang an den Kopf: „Das Liebe und Nette find ich schrecklich. Ich kann auch die Ellenbogen ausfahren.“ Ich bin keine Minute mit ihr im Gespräch, und Sabine Tippelt greift an. Ich habe keine Lust, in Deckung zu gehen. Für mich beginnt der Spaß jetzt erst richtig.

Sabine Tippelt liebt die Auseinandersetzung. Sie ist schnell, präzise, gut vorbereitet und nie um eine Antwort verlegen. Bei ihr merkt man sofort, woran man ist. Ich mag solche Menschen. Jetzt will ich schauen, ob ich dennoch etwas „Liebes und Nettes“ aus ihr herausbekommen kann. Denn so hart die Schale auch sein mag, bei Sabine Tippelt spürt man schnell: Das ist eine Gute.

Ich frage frech: „Nichts Liebes und nichts Nettes also? Na dann erzählen Sie doch mal von der Monster-Tippelt!“ – Sie lacht kurz auf und antwortet.

„Monster nun auch nicht. Ich mag es nur nicht, wenn Frauen als schwach dargestellt werden. Wenn man immer lieb und nett sein soll, obwohl es doch in der Politik darum geht, sich auch durchzusetzen.“

– Jetzt sind wir am Punkt. Darum geht es, um die Politik, und wie Sabine Tippelt dort gelandet ist.

Als die Tippelt noch schwach war

Sabine Tippelt wurde vor 55 Jahren geboren. Wie alt sie heute ist, soll ich in diesem Text nicht verraten. Mach ich nicht – versprochen, Frau Tippelt.
Sie kommt aus ganz einfachen Verhältnissen. Ihr Vater ist Fabrikarbeiter, der Bruder ist schon seit seiner frühesten Kindheit sehr krank. Die Krankheit des Kindes kostet die Familie viel Geld. Darum ist Geld immer Mangelware.

Heute ist Tippelt eine starke Frau, aber bis sie diese Stärke entwickelt, ist es noch ein langer Weg. Als sie vor ein paar Jahren einen früheren Lehrer trifft, spricht der sie ungläubig an und sagt: „In der Schule warst du immer so still, zurückhaltend und schüchtern, und heute bist du ganz präsent.“

Das Selbstvertrauen ist Tippelt nicht in die Wiege gelegt. Die kleine Sabine unterliegt wie viele Mädchen den Konventionen ihrer Zeit. Ihr Bruder soll Abitur machen, für die Tochter reicht angeblich der Realschulabschluss. „Die tollen jungen Frauen heute sind anders. Die würden sich das Gymnasium erkämpfen. Für uns damals in den Arbeiterfamilien war schon auf die Realschule zu dürfen ein Kampf.“

Wie die Tippelt kämpfen lernte

Von Anfang an erlebt sie, dass ihr als Frau wenig zugetraut wird. In der Schule wird sie gehänselt, weil sie dick ist und sich die Familie keine teuren Klamotten leisten kann. Das bleibt auch so, bis Tippelt in die Pubertät kommt und rebellischer wird. Aber ihre Rebellion richtet sich nicht gegen ihr Elternhaus, sondern sie beginnt, gegen die Umstände, die sie einengen, zu kämpfen. Ein Schlüsselerlebnis dabei ist der absichtliche Schubser eines größeren Jungen. „Ich erinnere mich, als wäre es gestern, wie er mich schubste und ich hingefallen bin. Dabei ging meine Hose kaputt. Und ich wusste genau, Sabine, du hast nicht viele Hosen. Du darfst das nicht wieder einfach geschehen lassen. Da bin ich aufgestanden und zu dem viel größeren Jungen hin und habe ihm klargemacht, dass ich ’ne neue Hose von ihm will. Hab’ ich dann auch bekommen.“

Es ist Tippelts erste Erfahrung, dass sie sich gegen Ungerechtigkeit durchsetzen kann. In der Folge nimmt sie sich vor, ihr eigenes Leben stärker zu gestalten. Binnen kurzer Zeit nimmt sie ab, und aus dem dicken Mädchen wird eine schlanke Frau. „Ich wollte nicht mehr dick sein, und ich hatte verstanden, dass ich das ganz alleine ändern kann.“

Tippelt erzählt mir davon, wie sie sich vornahm, schlank zu werden und es dann durchgezogen hat. Kein Zweifel, kein Hadern, die Tippelt macht’s.
Während ich mit ihr spreche, frage ich mich nur, warum sie immer Stärke zeigt. Warum sie ihre Erfahrungen von Armut und Ausgrenzung hinter einer Mauer aus Stärke versteckt. Ich frage sie: „Wollen Sie verbergen, wo Sie herkommen?“ – „Ich vergesse niemals, wo ich herkomme. Nein, niemals. Wenn wir heute im Landtag über Armut reden, dann werde ich kämpferisch. Ich will, dass andere das nicht alleine durchkämpfen müssen.“ Diesen Satz sagt sie voller Emotion. Ich glaube ihr.

Tippelts Kampf für alle

Vielleicht ist es das, was Tippelt auszeichnet. Sie kämpft den Kampf für andere. Wie damals schon in der Pubertät. Da bekam ihr Bruder eine fünf im Vorsingen. Tippelt empfand das als so ungerecht, dass sie zum Gymnasium fuhr, um das mit den Lehrern auszudiskutieren. Oder wie damals, als sie mit 23 Jahren Vorsitzende des Musikzugs der Feuerwehr wurde und plötzlich als erste Frau Mitglied des Feuerwehrkommandos war – übrigens ganz zum Unwillen der Männer im Kommando. Oder wie vor 30 Jahren, als sie als erste Frau in den Gemeinderat von Delligsen gewählt wurde und das gleich mit mehr Stimmen als der Spitzenkandidat der SPD. Damals dachte sie, als gewähltes Ratsmitglied könnte sie in der Fraktionssitzung selbstverständlich etwas sagen. Sie bekam zu hören „Da ist die Tür!“ – Tippelt ging nicht. Sie änderte stattdessen die Umstände, so dass heute Frauen ganz selbstverständlich mitmachen und ganz selbstverständlich etwas sagen dürfen.

Der Kampf ist ein zentraler Begriff in Tippelts Biografie. Sie bringt ihn immer wieder. Wenn man lange mit ihr spricht, dann spürt man den weichen Kern hinter dieser unfassbar starken Frau, die so viel erreicht hat. Es gibt sie, die empfindsame Sabine Tippelt. Sie verbirgt sie nur gerne. Sie würde niemals in der Öffentlichkeit in Tränen ausbrechen. Auf ihrem langen Weg nach vorne hat sie es im stillen Kämmerlein aber schon oft getan. Dass ich das schreibe, gefällt ihr sicher nicht.

„Wenn Tippelt angreift, geh in Deckung“, hat man mir gesagt. Nachdem ich Sabine Tippelt kennengelernt habe, würde ich wohl lieber sagen: „Wenn Tippelt angreift, dann erreicht sie was für uns.“

Als wir schon auf dem Weg nach draußen sind, frage ich, ob es in der Gegend eigentlich auch Wohnungseinbrüche gibt. Sie antwortet, „Ich hatte selbst einen. Die haben hier alles ausgeräumt. Meinen Mann hat das sehr beschäftigt, ich habe einfach gesagt, es geht weiter. Neue Fenster und weiter.“ – Ich lächle. Da ist sie wieder, die starke Sabine Tippelt. Ich glaube ihr, dass sie weiter für uns alle kämpft, und es freut mich, jetzt zu wissen, dass sie manchmal heimlich weinen kann.

Zur Person

Sabine Tippelt


In den letzten Wochen und Monaten haben wir unseren Mitarbeiter Norman auf eine Reise geschickt. Eine Reise quer durch Niedersachsen, um unsere Landtagsabgeordneten und unsere Kandidatinnen und Kandidaten für den Landtag zu treffen und kennenzulernen. Sechzehn Persönlichkeiten, mit außergewöhnlichen und unterschiedlichsten Lebensläufen, die die SPD im Landtag vertreten oder nach dem 15. Oktober vertreten wollen, hat Norman getroffen. Und er hat Portraits über sie geschrieben. Zu jedem Portrait hat Willi außerdem einen persönlichen Kommentar geschrieben.

„Ich würde Sabine Tippelt wählen, weil sie auch unangenehme Dinge deutlich anspricht und Ungerechtigkeiten entschieden entgegentritt.“

Willi Lemke

Weitere Portraits findest du hier

KandidatInnenportraits