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Uli Watermann

Uli Watermann ist Landtagsabgeordneter und kämpft für Inklusion. Dass er damit nicht immer auf Gegenliebe stößt, ist ihm bewusst.

Oft sagen die Leute, die Idee, Kinder und Jugendliche mit Behinderung gemeinsam mit Kindern ohne Einschränkungen zu unterrichten, sei weltfremd. Politiker hätten doch keine Ahnung. Aber damit liegt man bei Uli Watermann falsch. Wahrscheinlich hat keiner mehr zu diesem Thema zu sagen als er selbst.

In den 1970ern lernt Watermann den Beruf des Erziehers. Damals ist das noch ein reiner Frauenberuf. Er muss sogar auf die „Berufsfachschule für Frauenberufe“ gehen. 1974 ist er der erste Mann, der jemals diese Ausbildung in Hameln macht.

Watermann ist Vorreiter. Damals wie heute probiert er lieber aus, wie etwas gehen kann, statt darüber zu diskutieren, wieso etwas nicht gehen könnte. So zum Beispiel auch 1978, als Watermann beginnt, in einem Internat für Jugendliche mit Behinderung zu arbeiten. „Es gab nicht genügend Betreuungskräfte, und darum konnte man die Nacht nicht gut abdecken. Das hieß dann für alle Jugendlichen, sie mussten immer um 21.00 Uhr ins Bett. Für Jugendliche in der Pubertät ist das doch kein Zustand. Nur weil du eine körperliche Beeinträchtigung hast, werden dir alle Abende deiner Jugend genommen. Das wollte ich nicht akzeptieren.“ Und wenn Watermann etwas nicht akzeptieren will, dann schaltet er auf stur.

Der junge Erzieher sucht einen Weg, das zu ändern. Den Betreuungsschlüssel in der Einrichtung kann er nicht verändern. Aber er kann einzelnen Jugendlichen helfen. „Ich habe sie nach der Arbeit einfach mit nach Hause genommen. Dann war die Betreuung sichergestellt, und sie hatten mehr vom Leben.“

Aus dem anfänglichen Mitnehmen wird langsam ein ganz selbstverständliches Zusammenleben.

„Wir haben die Mädchen und Jungs in der Familie als Pflegekinder aufgenommen.“

Wir, das sind in diesem Fall Uli Watermanns damalige Frau und er. Die beiden ergänzen sich perfekt. Sie bringt viel mütterliche Wärme in die Familie ein, und Watermann organisiert einen sicheren Rahmen allen Widerständen zum Trotz.

Im Lauf der Zeit erwächst aus dem anfänglichen Wunsch, ein paar Jugendlichen zu helfen, ein neues Leben für das Paar. Im Jahr 1993 gründen sie gemeinsam Kunterbunt e. V. – ein Verein, der inklusives Zusammenleben zwischen behinderten und nicht-behinderten Kindern und Jugendlichen möglich macht. Damals spricht noch kein Mensch von Inklusion.

Heute, vierundzwanzig Jahre später, stehen in Eichenborn zwei Häuser mit Platz für 17 Kinder und Jugendliche. „Manche wohnen hier länger, andere kürzer. Für alle bieten wir ein Zuhause.“ Für Watermann ist das alles kein Geschäftsmodell. Bis heute haftet er mit seinem kompletten privaten Vermögen für die Einrichtung.

Wenn man Watermanns Geschichte hört, dann kann man sie kaum glauben. Ich möchte mehr erfahren über den Mann, der das alles aufgebaut hat. Deshalb spreche ich nicht nur mit ihm, sondern fahre nach Eichenborn, um mit seinen beiden Töchtern zu reden. Beide leiten heute die Einrichtung, während Uli Watermann im Landtag für eine sozialere Politik in Niedersachsen kämpft.

Anna und Katrin begrüßen mich in einem kleinen Büro im Keller eines der beiden Häuser. Der kleine Flur, durch den wir gehen müssen, hängt voller kleiner Kinderjacken. Überall um uns herum wuseln Kinder.

Small Talk ist gar nicht sein Ding

„Papa zu beschreiben ist echt schwierig.“ – Beinahe bin ich froh, dass das den beiden Töchtern genauso schwerfällt wie mir auch. Die sanfte Unterhaltung, die ich versucht hatte, um mit ihm warm zu werden, war prompt gescheitert. „Small Talk ist gar nicht sein Ding.“ erklärt mir seine Tochter. „Uli kann nicht anders. Uli muss immer etwas tun. Uli muss immer über etwas Relevantes reden. Ich könnte wetten, entweder telefoniert er gerade draußen, um ein Problem zu lösen, oder er sortiert die Wasserkisten.“

Probleme löst Watermann den ganzen Tag. „Wir wissen nicht so genau, wie er es macht. Aber wenn wir ihn anrufen und sagen, dass wir Hilfe brauchen, dann löst er das Problem. Da bespricht er nicht mehr viel mit uns, er macht es einfach irgendwie möglich.“ So kennen nicht nur seine Töchter Watermann, sondern auch viele Bürgerinnen und Bürger, die im Lauf der Jahre mit einem Problem zu ihm kamen und um Hilfe baten. Watermann hört es sich an, redet nicht viel und löst das Problem.

So sehr ich bewundere, was Watermann macht, in mir wächst der Wunsch nach Wärme. „Dafür ist Mama zuständig. Sie hat immer die Wärme ins Haus gebracht. Dafür sind vielleicht heute wir zuständig. Sie war immer die Idealistin, er war immer der Perfektionist. Man kann so viel träumen, wie man will, man braucht eben einen Menschen wie Uli, der den Traum wahr werden lässt.“

Auf eine Weise klingen die Erzählungen seiner Töchter distanziert, aber in den Zwischentönen spürt man tiefes Vertrauen und große Zuneigung. Ich frage die beiden, ob sie ihren Vater denn wählen würden. „Immer!“ lautet ihre schnelle Antwort.

Als ich mich wieder mit Watermann zusammensetze, fragt er nicht, wie mein Gespräch mit seinen Töchtern war. Stattdessen erklärt er mir sein Programm für den Landtag. „Ich will, dass wir Inklusion positiv diskutieren. Klar gibt es da Probleme, aber die muss man lösen, statt sie ständig nur zu wälzen. Wir brauchen eine Inklusionsfeuerwehr – das sind Fachkräfte, die dort einspringen, wo die Leute überfordert sind. Ganz unbürokratisch. Unsere Politik muss sich daran messen lassen, dass es den Menschen nach fünf Jahren besser geht. Dafür müssen wir eben auch Kritik aushalten und durchhalten. Wichtig ist, dass die Leute darauf vertrauen können, dass wir uns kümmern.“

Mittlerweile bin ich mir sicher, dass Watermann sich kümmert, so politisch-technisch seine Ausführungen auch klingen. Ich sehe sie jetzt vor dem Horizont dieser beiden Häuser in Eichenborn voller Liebe. Zwei Häuser, in denen so viele Kinder eine glückliche Kindheit verleben. Zwei Häuser, die Watermann gebaut hat und die seine Töchter heute leiten. Die Töchter, die mir über ihren kauzigen Vater sagen: „Wir würden ihn immer wählen.“

Zur Person

Uli Watermann


In den letzten Wochen und Monaten haben wir unseren Mitarbeiter Norman auf eine Reise geschickt. Eine Reise quer durch Niedersachsen, um unsere Landtagsabgeordneten und unsere Kandidatinnen und Kandidaten für den Landtag zu treffen und kennenzulernen. Sechzehn Persönlichkeiten, mit außergewöhnlichen und unterschiedlichsten Lebensläufen, die die SPD im Landtag vertreten oder nach dem 15. Oktober vertreten wollen, hat Norman getroffen. Und er hat Portraits über sie geschrieben. Zu jedem Portrait hat Willi außerdem einen persönlichen Kommentar geschrieben.

„Ich unterstütze Uli Watermann, weil er eine Vorreiterrolle einnimmt, wenn es darum geht, Probleme schnell zu lösen und immer mit ganzem Herzen bei der Sache ist.

Willi Lemke

Weitere Portraits findest du hier

KandidatInnenportraits