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Dunja Kreiser hat alles erlebt

Dunja Kreiser kandidiert für den Landtag. Sie will für die SPD ins Parlament in Hannover einziehen. Als ich sie frage, warum sie glaubt, eine gute Abgeordnete zu werden, sagt sie lange nichts. Dann irgendwann atmet sie durch und antwortet ganz ruhig: „Ich habe alles selbst erlebt.“

Alles erlebt?

Es ist nett, mit Dunja Kreiser zu reden. Sie ist eine sympathische und taffe Frau. Doch als sie mir antwortet „Ich habe alles erlebt“, merke ich, wie ich erst einmal auf Distanz gehe. Das ist mir dann doch ein bisschen zu viel. Aber vielleicht hat sie ja Recht. Deshalb setze ich mich ein paar Stunden mit ihr hin, um ihre Geschichte zu hören.

Dunja Kreiser ist in Dettum aufgewachsen. Sie ist eine von drei Töchtern und das Nesthäkchen. Ihre ganze Familie ist geprägt vom sozialen Engagement. Ihr Vater ist Heilerziehungshelfer und arbeitet für die Stiftung Neuerkerode mit Menschen mit Behinderungen. „Für mich war es ganz selbstverständlich, mit Behinderten aufzuwachsen. Wir haben auch zusammen Weihnachten gefeiert.“ Dass eine Behinderung für ihr eigenes Leben alles andere als selbstverständlich werden wird, ahnt sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Die junge Frau möchte nach der Realschule eine Ausbildung beginnen. Sie hat sich vorgenommen, keinen typischen Beruf zu wählen, sondern möchte etwas ganz Besonderes machen. Ihre Entscheidung fällt auf einen Beruf, um den viele andere einen Bogen machen: Fachkraft für Abwassertechnik.

In der Kläranlage arbeiten? Dunja Kreiser eckt mit dieser Entscheidung bei ihren Freundinnen an. Aber sie findet das etwas Neues, Spannendes und vor allem etwas Besonderes. Darauf hat sie Lust.

Mit 16 Jahren muss sie sich dumme Sprüche von Kollegen anhören

Voller Begeisterung beginnt sie ihre Lehre. Wovor andere sich ekeln, macht ihr Freude. Doch nicht alles an dem Männerberuf ist gut für die junge Frau. Mit 16 Jahren muss sie sich oft dumme Sprüche von Kollegen anhören. Das ist zwar nicht schön, aber sie erträgt es noch. Sie ist die einzige Frau im Betrieb. Wirklich schwierig wird es für sie erst, als sie für einige Zeit ein Praktikum in einem anderen Betrieb macht: „Zu unserem Beruf gehört natürlich auch, nach der Arbeit zu duschen. Und es gab zwei Kollegen, die immer versuchten, mich nackt zu sehen. Einer gab mir immer wieder einen Klaps auf den Hintern. Damals war ich eingeschüchtert, überfordert.“

Kreiser erlebt im Praktikum im anderen Betrieb sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz. Wie viel zu viele andere Frauen auch wehrt sie sich zu Anfang nicht dagegen. Doch Kreiser beginnt sich zu wehren.

„Ich habe mich vor diesem Kollegen irgendwann mit meiner ganzen Autorität aufgebaut und gesagt: STOP!“

Der Kollege gibt vorerst klein bei. Doch Kreiser will, dass mit der Belästigung endgültig Schluss ist. Beim Duschen stellt sie einen Stuhl von innen gegen die Tür, und sie meldet den Vorfall ihrem Chef. Konsequenzen gibt es für den Kollegen jedoch keine. „Da habe ich entschieden, dass ich Karriere machen will. Ich wollte selbst Chefin werden und so was abstellen.“

Der Plan, den die junge Frau damals fasste, geht im Lauf der Jahre auf. Mit Unterstützung ihres Arbeitgebers wird sie erst Vorarbeiterin und schließlich stellvertretende Betriebsleiterin. Sie bildet sich fort und wird die zweite Abwassermeisterin in Deutschland überhaupt. „Mit jedem Schritt voran habe ich mehr Selbstvertrauen gewonnen. Irgendwann wusste ich, ich kann alles meistern. Ich kann jede Herausforderung bestehen.“

Doch Dunja Kreiser täuscht sich. An einer Herausforderung wird sie zwangsläufig scheitern. Kreiser bekommt ein Kind.

Der Sohn ist mehrfach schwerstbehindert. „Mein Sohn war kaum lebensfähig. Wir wussten von Anfang an, das ist ein Leben auf kurze Zeit. Aber man kann als Mutter doch sein Kind nicht aufgeben.“ Das Leben mit ihrem kranken Sohn verändert ihr Leben. „Es macht einen Unterschied, ob man bei der Pflege von anderen hilft oder als Mutter sein eigenes Kind pflegt.“ Kreiser erlebt hautnah die Überforderung, die man empfindet, wenn man Hilfe von Behörden braucht. „Es fühlt sich an, als würde man zwischen den Mühlsteinen der Bürokratie zerrieben.“ Jedes Hilfsmittel, das man braucht, ist ein Kampf. Ein Kampf um den Rollstuhl. Ein Kampf um das Gehgerät. „Man verliert die Kraft, die Beziehung zum Partner geht kaputt. Man zieht die Dinge nur noch durch. Man muss Kämpfe führen, obwohl man weiß, dass man den eigentlichen Kampf ums Leben irgendwann verliert.“

Auch für Kreiser hat diese Geschichte kein glückliches Ende. Ihr Sohn stirbt viel zu jung mit nur vier Jahren.

Nach dem Tod ihres Sohnes muss ihr Leben weitergehen. Aber aus der Trauer heraus führt nur ein steiniger Weg. Es helfen nur Gespräche, um das alles zu verarbeiten. Auch mit ihrem Partner muss sie nach den gemeinsam erlebten Jahren erst wieder eine neue Basis für die Beziehung finden. Irgendwie muss sie wieder in Bewegung kommen.

Sie lernt eine Frau kennen. Sie heißt Gesa. „Gemeinsam sind wir laufen gegangen, um den Kopf freizubekommen. Das tat gut. Das tat sehr gut.“ Die beiden werden Freundinnen und beginnen, für den Hamburg-Marathon zu trainieren.

Ich wollte anpacken und etwas erschaffen

„Die Bewegung hat auch mich bewegt. Ich habe neue Energie gefunden. Heute sage ich, wenn dich so eine Geschichte nicht zerstört, dann macht sie dich stark.“ Dunja Kreiser sucht ihren Weg zurück in den Beruf. Sie geht wieder 30 Stunden die Woche arbeiten. Nebenbei beginnt sie, sich in der Politik zu engagieren. Sie wird zur ehrenamtlichen Bürgermeisterin einer Gemeinde mit 1.200 Einwohnern gewählt. „Ich wollte anpacken und etwas erschaffen.“ Binnen eines Jahres baut sie mit ihrer Verwaltung eine Kindertagesstätte auf. Sie beginnt, die Straßen der Gemeinde zu sanieren. Indem sie Erfolge als Bürgermeisterin für ihre Mitbürger schafft, schafft sie auch Hoffnung für sich.

Heute kandidiert sie für den Landtag. „Ich habe alles selbst erlebt. Ich glaube, ich kann mit dieser Erfahrung etwas bewegen.“ Kreiser möchte viel. Als Abwassermeisterin möchte sie dafür sorgen, dass das Trinkwasser in Niedersachsen stärker geschützt wird. „Die Massentierhaltung bedroht unser Wasser. Da kenne ich mich aus!“ Sie will, dass Familien, die Pflegeaufgaben übernehmen, besser unterstützt werden. „Das muss unbürokratischer gehen, und es muss auch leichter sein, wieder zurück in den Beruf zu können.“ Und Dunja Kreiser möchte Frauenrechte stärken. „Gleichstellung ist für mich ganz wichtig. Ich will, dass Frauen unbehelligt in sogenannten Männerberufen arbeiten und dass sie das Gleiche verdienen.“

Kreiser lächelt mich sanft an. Ich nicke und antworte ihr. „Stimmt, Sie haben es alles selbst erlebt.“

 

Zur Person

Dunja Kreiser

 


In den letzten Wochen und Monaten haben wir unseren Mitarbeiter Norman auf eine Reise geschickt. Eine Reise quer durch Niedersachsen, um unsere Landtagsabgeordneten und unsere Kandidatinnen und Kandidaten für den Landtag zu treffen und kennenzulernen. Sechzehn Persönlichkeiten, mit außergewöhnlichen und unterschiedlichsten Lebensläufen, die die SPD im Landtag vertreten oder nach dem 15. Oktober vertreten wollen, hat Norman getroffen. Und er hat Portraits über sie geschrieben. Zu jedem Portrait hat Willi außerdem einen persönlichen Kommentar geschrieben.

„Ich unterstütze Dunja Kreiser, weil sie soziales Engagement verkörpert wie kaum eine zweite – und sie weiß, wovon sie spricht.

Willi Lemke

Weitere Portraits findest du hier

KandidatInnenportraits