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Claudia Schüßler und die drei Lebensweisheiten

Claudia Schüßler ist Anwältin. Sie kennt die Schicksale von vielen Menschen, denen sie zu ihrem Recht verhilft. Gerade kandidiert sie für den Landtag von Niedersachsen. Oft begründet sie das, was sie dort tun will, mit den Schicksalen von Menschen, die sie kennt. Heute will ich den Spieß umdrehen. Ich bin zu Claudia Schüßler gefahren, um mehr über ihr persönliches Schicksal zu erfahren.

Am Anfang war das Dorf

Am Anfang war das Dorf. Nicht ein Dorf in Niedersachsen, sondern eines in Deutschlands Südwesten. Es heißt Mittelbollenbach, hat tausend Einwohner und zwei Kirchen. Es liegt in der Nähe von Idar-Oberstein. Wer selbst das nicht gleich auf der Karte findet, das ist in Rheinland-Pfalz.

Dort, in Mittelbollenbach, ist Schüßler aufgewachsen – mit ihren Eltern und Großeltern unter einem Dach. Es ist eine geordnete Welt mit viel Geborgenheit. Das Dorfleben ist beschaulich und wenig aufregend. Schüßler engagiert sich in der evangelischen Jugendarbeit und ist gut in der Schule. Ihr Vater arbeitet als Werkzeugmacher und ihr Großvater als Goldschmied. Bis heute trägt Schüßler sein Gesellenstück als Anhänger um den Hals. Sie ist ein Familienmensch.

Die weite Welt

Als sie älter wird, verliebt sie sich in einen jungen Soldaten. Die beiden werden ein Paar. Doch er lebt in Hamburg. Für Schüßler ist das verdammt weit weg. Damals denkt sie sich: „Für das Lebensglück muss man auch mal einen Aufbruch wagen!“ Sie zieht nach Hamburg.

Das Mädchen aus dem kleinen Dorf lebt plötzlich in einer der größten Städte Deutschlands. Mittendrin im Gewusel der Millionen. Anfänglich ist sie noch fasziniert, dann immer mehr abgeschreckt. Die Hamburger begegnen Schüßler oft herablassend, weil sie damals noch mit Dialekt spricht. „Die haben mich schlicht für dumm erklärt, weil ich kein perfektes Hochdeutsch sprach.“ Schüßler findet keinen Anschluss, keine Freunde, fühlt sich nicht wohl. Das Gefühl des Ausgesondert seins wird immer stärker. Sie bekommt Neurodermitis, fühlt sich entwurzelt.

Ihr Lebensgefährte wird versetzt, wieder in eine andere Stadt. Diesmal geht es nach Hannover. Schüßler hat Sorge, wieder keinen Anschluss zu finden und erneut auf Ablehnung zu stoßen. Doch die Hannoveraner sind anders. Sie hat das Gefühl, herzlich empfangen zu werden. Man geht auf sie zu, freut sich, dass sie da ist. Sie findet schnell Freunde in der Metropole an der Leine.

An der Uni Hannover setzt sie ihr Jura-Studium erfolgreich fort. Sie trifft sich mit Freunden, ist glücklich. Eines Abends steht ihr Lebensgefährte wieder vor ihr und verkündet: „Wir ziehen nach Paris!“ Gefragt hat er sie nicht.

Nicht mehr treiben lassen!

Doch dieses Mal ist Schüßler stärker. Sie will nicht schon wieder in einer anderen Stadt neu anfangen müssen. Sie will nicht immer ihre Interessen einem anderen unterordnen. Schüßler sagt zum ersten Mal: Nein.

Das „Nein“ bedeutet gleichzeitig die Trennung. Er will nicht akzeptieren, dass Schüßler über ihr eigenes Leben entscheiden darf. Ihre kleine Lebensweisheit hat sie damals abgewandelt: „Für das Lebensglück muss man auch mal einen Abbruch wagen!“

Für Schüßler erweist sich der Widerstand gegen die erneute ungewollte Veränderung als richtig. Sie lernt schnell einen neuen Partner in Hannover kennen und kann ihr Studium in Richtung Abschluss erfolgreich weiterführen. Mitten im Examen wird sie schwanger. Für Schüßler ein großer Glücksmoment. „Ich wollte immer Kinder haben.“

Der Tiefpunkt

Doch womit sie nicht gerechnet hat: An der Uni gibt es damals keine Möglichkeit der Kinderbetreuung. Ihr bleibt keine andere Möglichkeit, als ihr Examen zu verschieben. „Ich war so naiv zu glauben, das könnte man dann sechs Monate später machen. Aber nach sechs Monaten hört der Betreuungsbedarf von Kindern ja nicht auf.“

Es kommt hinzu: An der Uni fehlen Betreuungsmöglichkeiten, selbst eine Wohnung für die kleine Familie zu finden, ist fast unmöglich. Ständig steckt sie in der Sackgasse.

Schüßler ändert das System

„Vielleicht musste ich bis an diesen Punkt kommen, um zu verstehen, dass man das System ändern muss, damit Familie und Beruf zusammengehen.“ Schüßler entscheidet sich damals, in der SPD, in der sie schon lange Mitglied war, aktiver zu werden. Sie will, dass sich die Regeln des Zusammenlebens ändern. „Ich habe mir damals eingestanden, wie lange ich immer nur eine Getriebene war. Ich bin wegen eines anderen Menschen erst nach Hamburg und dann nach Hannover gezogen, ich habe mich kurz vor dem Examen aus der Uni verdrängen lassen, weil ich ein Kind bekam. Immer habe ich das alles akzeptiert. Dabei war meine beste Entscheidung, als ich Nein zu Paris gesagt habe.“

Das Nein zu scheinbar unveränderlichen Dingen wird von nun an bestimmend für Schüßler. „Die Leute sagen immer, dass man ein einmal abgebrochenes Studium nicht wieder anfangen kann. Stimmt aber nicht.“ Schüßler entschließt sich, ihr Studium zehn Jahre nach dem Abbruch zu Ende zu führen. Sie geht an die Uni und erlebt ihr blaues Wunder. „Ich war wirklich fassungslos. Da komme ich nach zehn Jahren zurück an die Uni und sage, dass ich mein Studium jetzt beenden will, und die ziehen einfach einen Ordner aus dem Regel und sagen, kein Problem, es sind ja alle Unterlagen da. Unfassbar, warum ist das niemandem bekannt, dass das so einfach geht?“

Schüßler büffelt ein Jahr lang, besteht ihr Examen und beginnt das Referendariat. Sie nimmt sich vor, Leute zu ermutigen, im Umgang mit Behörden mehr für ihre Rechte einzustehen.
Schließlich gründet Schüßler mit einer Freundin eine Kanzlei. Als die Freundin kurze Zeit später in die Verwaltung geht, entscheidet Schüßler sich dafür, die Kanzlei allein weiterzuführen. Mit ihrer heutigen Lebensweisheit ist sie ganz zufrieden: „Das Lebensglück verändert sich, es ist nur wichtig, es selbst zu gestalten.“

Claudia Schüßler sitzt in ihrem Garten. Sie lächelt und freut sich auf den Wahlkampf. Sie möchte in den Landtag, um die Rahmenbedingungen zu verändern. Leute sollen leichter Wohnungen finden, besser über ihre Rechte informiert sein und diese leicht einfordern können, und die Kinderbetreuung muss funktionieren. Dass ihr das alles wichtig ist, glaube ich ihr.

 


In den letzten Wochen und Monaten haben wir unseren Mitarbeiter Norman auf eine Reise geschickt. Eine Reise quer durch Niedersachsen, um unsere Landtagsabgeordneten und unsere Kandidatinnen und Kandidaten für den Landtag zu treffen und kennenzulernen. Sechzehn Persönlichkeiten, mit außergewöhnlichen und unterschiedlichsten Lebensläufen, die die SPD im Landtag vertreten oder nach dem 15. Oktober vertreten wollen, hat Norman getroffen. Und er hat Portraits über sie geschrieben. Zu jedem Portrait hat Willi außerdem einen persönlichen Kommentar geschrieben.

Ich würde Claudia Schüssler wählen, weil sie mit Herz und Verstand gestaltet.

Willi Lemke

Weitere Portraits findest du hier

KandidatInnenportraits


In den letzten Wochen und Monaten haben wir unseren Mitarbeiter Norman auf eine Reise geschickt. Eine Reise quer durch Niedersachsen, um unsere Landtagsabgeordneten und unsere Kandidatinnen und Kandidaten für den Landtag zu treffen und kennenzulernen. Sechzehn Persönlichkeiten, mit außergewöhnlichen und unterschiedlichsten Lebensläufen, die die SPD im Landtag vertreten oder nach dem 15. Oktober vertreten wollen, hat Norman getroffen. Und er hat Portraits über sie geschrieben. Zu jedem Portrait hat Willi außerdem einen persönlichen Kommentar geschrieben.

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