Zehn Schritte auf dem Weg zur guten Schule
Druck und Angst vor dem Versagen sind ständige Begleiter unserer Kinder. Laut einer Umfrage des Deutschen Kinderschutzbundes ist für 39 Prozent der Sechs- bis Zehnjährigen in Niedersachsen die Schule der größte Stressfaktor in ihrem noch jungen Leben, weit vor innerfamiliären Problemen. Damit rangiert Niedersachsen im Bundesvergleich mit an der Spitze!
Wir wollen fröhliche Kinder mit Spaß am Lernen in einer guten Schule. Jedes Kind muss die besten Chancen für seine Entwicklung bekommen.
Wir wollen eine Bildung, die die individuelle Entwicklung der Kinder und Jugendlichen berücksichtigt und sie nicht bereits im ersten Lebensjahrzehnt den Regeln eines unbarmherzigen Marktes unterwirft. Den Weg dahin umreißen die folgenden zehn Schritte zu einer guten Schule:
Gemeinsames Lernen in den leistungsdifferenzierten Gruppen, wie es etwa Gesamtschulen anbieten, bedeutet weniger Stress für unsere Kinder. Wenn Eltern ihr Kind auf eine Ge-samtschule geben möchten, soll das auch möglich sein. Es darf keine Briefe mehr geben mit dem Inhalt, dass kein Platz an einer Gesamtschule für das Kind vorhanden ist.
Gesamtschulen soll es überall dort geben, wo Eltern und Schulträger dies wünschen. Wir wollen ein regional angepasstes, vollständiges und stabiles schulisches Angebot.
Bei der Genehmigung neuer Gesamtschulen muss die Sperrklausel wegfallen, wonach mindestens fünf Parallelklassen pro Jahrgang für zehn Jahre nachgewiesen werden müs-sen. Diese Auflage soll die Gründung neuer Gesamtschulen erschweren und das alte System des möglichst frühen Aussortierens schützen. Wir wollen, dass kleinere Gesamtschulen mit vier, in Ausnahmen auch drei, Parallelklassen (Vier- oder Dreizügigkeit) genehmigt werden können.
Wir wollen mehr Zeit zum Lernen für Kinder. Wir wollen an den Gesamtschulen das Tur-boabitur abschaffen. Eltern sollen die Wahl haben, ob ihre Kinder das Abitur nach 13 Jahren an der Gesamtschule ablegen wollen oder nach 12 Jahren am Gymnasium. Es gibt Kinder, die schaffen ihr Abitur in 12 Jahren. Andere Kinder brauchen mehr Zeit. Jedes Kind ist einzigartig. Jedes Kind braucht eine individuelle Förderung.
Die Erhöhung der Prüfungsfächer von vier auf fünf Fächer hat zu einem hohen Druck in den gymnasialen Oberstufen geführt. Daher wollen wir an den weiterführenden Schulen, insbe¬sondere an Gymnasien und Gesamtschulen, die Zahl schriftlicher Klassenarbeiten und Klausuren reduzieren. Gymnasiasten z. B. müssen – quer durch alle Fächer und Jahrgänge – im Verlauf ihrer Schulzeit fast 400 Klassenarbeiten und Klausuren schreiben. Deshalb soll die Belastung für Schülerinnen und Schüler, aber auch für die korrigierenden Lehrkräfte beendet werden. Andere - längst erprobte - Formen der Leistungsüberprüfung sind höher zu gewichten und können gewinnbringend eingesetzt werden. Dazu gehören z. B. Präsentationen, Projektarbeiten und Teamproduktionen.
Ganztagsschulen ermöglichen es unseren Kindern, mit mehr Muße zu lernen. Dazu gehören Förderangebote, zum Beispiel im Nachmittagsunterricht. An einer richtigen Ganztagsschule gibt es mehr Möglichkeiten für Mädchen und Jungen, Sport zu treiben, zu musizieren. Dort kann auch Theater, Technik- oder Umweltbildung angeboten werden – und nicht zuletzt ein gutes Mittagessen.
Ganztagsschulen entlasten Eltern und verbessern die Vereinbarkeit von Job und Familie. Die Praxis in Niedersachsen sieht aber so aus, dass von den 1.500 Ganztagsschulen nur ein Bruchteil diesen Anforderungen gerecht wird. Mehr als 1.000 von Schwarz-Gelb ausgerufene Ganztagsschulen sind wegen mangelhafter personeller und finanzieller Ausstattung gar keine. Damit diese Lernmodelle aber insbesondere bei den Grundschulen gelingen können, müssen wir als wichtiges Zeichen die Grundschulleitungen mit Ganztagsschulen um weitere drei Stunden entlasten.
Eltern kennen ihre Kinder am besten. Sie sollen entscheiden, welche Schule ihr Kind besuchen soll. Wir wollen die förmliche Empfehlung am Ende der Grundschule für die weiterführende Schule abschaffen. Stattdessen werden Eltern Beratung und Orientierung erhalten.
Das ist der richtige Weg, damit nicht bereits zehnjährige Mädchen und Jungen zu früh einsortiert werden. Damit nehmen wir Kindern und Lehrkräften den Stress schon in der Grundschule ab. Kinder sollen Zeit haben, sich an einer neuen weiterführenden Schule einzugewöhnen. Sie sollen nicht nach der 5. oder 6. Klasse zwangsweise von der Schule ihrer Wahl geworfen werden, nur weil sie den verlangten Notenschnitt noch nicht erreicht haben. Zwölfjährige Kinder stehen in der Pubertät – und nicht unter Bewährung!
Schulsozialarbeit soll an allen Schulen möglich sein. Sie unterstützt und stärkt unsere Kinder. Zu einem Gesamtbild gehören neben der Schulsozialarbeit auch die Schulpsychologie und die Beratungslehrkräfte. Alle Akteure aus diesem Bereich sind da, wenn es Probleme gibt, aber auch dafür da, dass erst gar keine entstehen können. Sie sind eine Brücke zwi-schen Schule, Elternhaus und den Kindern und Jugendlichen. Sie sind Vertraute und Ansprechpartner bei Problemen, Nöten und Sorgen von Schülern, Eltern und zunehmend auch Lehrkräften.
Damit das gelingen kann, brauchen Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter unbefristete Arbeitsverträge, die nach Tarif bezahlt werden. Gute Schule braucht gute Schulsozialarbeit. Damit nehmen wir den Druck von den Lehrkräften, die sich mehr auf ihre eigentliche Aufgabe konzentrieren können.
Wir wollen einen Stufenplan mit sinnvollen Schritten hin zu kleineren Klassen festlegen. Insbesondere an den Gymnasien, den Grundschulen in städtischen Ballungsgebieten und den Gesamtschulen sind die Klassen zu groß. Das erschwert dort guten Unterricht erheblich. Wir brauchen auch eine Entschlackung der Lehrpläne. Besonders in der Sekundarstufe I. Gerade dann, wenn Jugendliche in der Pubertät sind, ist die Menge des zu verarbeitenden Lernstoffs besonders groß. Das bedeutet viel Stress für die Kinder, aber auch für die Eltern.
Zu einer guten Schule gehört eine frühe Förderung in Krippen und Kindergärten. Sie hilft den ganz Kleinen, später in der Schule besser zu lernen. Deswegen wollen wir ein ausreichendes und flächendeckendes Angebot an Kitaplätzen in Niedersachsen. Der Ausbau der Betreuungsplätze ist aber nicht alles. Wir werden für gute Qualität sorgen.
Erzieherinnen und Erzieher sollen ausreichend Zeit für Zuwendung für jedes einzelne Kind erhalten. Darum wollen wir mehr Erzieherinnen und Erzieher pro Kind, mehr Vorbereitungszeit für das Personal und kleinere Gruppen im Kinder¬garten.
Eltern sollen entscheiden, auf welcher Schule ihr Kind unterrichtet wird. Dazu zählt für uns auch der Elternwunsch, Kinder mit besonderem Unterstützungsbedarf an Regelschulen anmelden zu können. Der gemeinsame Schulbesuch von Kindern mit und ohne Behinderung muss die Regel werden. Das wird nicht von heute auf morgen gehen.
Dazu brauchen wir ein Aktionsprogramm, das verbindliche Schritte festlegt. Wir brauchen z.B. eine barrierefreie Ausgestaltung der Unterrichtsräume, Sonderpädagogen und Sonder-pädagoginnen und eine Weiterbildung der Lehrkräfte. Das Ziel ist klar, aber wir sorgen auch für die Planungssicherheit, wie der Weg zur inklusiven Schule aussieht.
Wir werden allen Jugendlichen einen guten Start in den Beruf ermöglichen. Er entscheidet über das gesamte weitere Leben. Wir wollen alle mitnehmen! Jugendliche, die trotz Aus-bildungsreife und mehrfacher Bewerbungs- und Vermittlungsversuche keinen Ausbil-dungsplatz im dualen Ausbildungssystem gefunden haben, werden wir die reelle Chance auf eine qualifizierte Ausbildung geben. Gleichzeitig soll die hohe Abbruchquote im ersten Ausbildungsjahr verringert werden. Wir geben eine Ausbildungsgarantie für alle. Damit nehmen wir Zukunftsängste.
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