Die Unterrichtung des Agrarausschusses des Niedersächsischen Landtages zur Putenmast-Affäre durch Landwirtschaftsministerin Astrid Grotelüschen (CDU) am heutigen Freitag hat den Eindruck der SPD-Fraktion bestätigt, dass die Ministerin unfähig ist, das System der Intensivtierhaltung unbefangen zu betrachten. „Bereits im Vorfeld der heutigen Ausschusssitzung hatte die Ministerin mehrfach das System verteidigt. Sie kommt aus diesem System, hat es selber mit aufgebaut und über lange Jahre
darin gearbeitet. Vor dem Ausschuss ist sie bei Fragen zur Arbeitsweise des Unternehmens ihrer Familie immer wieder in die Wir-Form gefallen. Sie hat immer wieder betont, wie stolz sie auf das System ist. Ihr fehlt die für eine Ministerin notwendige Distanz, um Lobbyismus-Vorwürfen glaubhaft begegnen zu können. Ministerin Grotelüschen sieht den latenten Konflikt zwischen Intensivtierhaltung und Tierschutz schlicht nicht“, sagte Andrea Schröder-Ehlers, agrarpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, nach der Ausschusssitzung am Freitag in Hannover.
Angesichts ihrer Ressortzuständigkeit für den Tierschutz sei diese Einstellung „bedenklich“. Schröder-Ehlers: „Frau Grotelüschen kann die Interessen des Tierschutzes nicht glaubwürdig vertreten.“ Die Ministerin hatte im Ausschuss beteuert, mit den beschuldigten Putenmast-Betrieben in Mecklenburg-Vorpommern nichts zu tun zu haben, und das Bild unabhängiger, bäuerlicher Familienbetriebe gezeichnet, die von der Firma ihres Mannes lediglich die Küken bezögen.
„Unseren Informationen nach ist dieses Bild falsch“, sagte Schröder-Ehlers. Dokumente, die der SPD-Fraktion vorlägen, ergäben hingegen eine sehr enge Verflechtung der beschuldigten Mitgliedsbetriebe der Putenerzeugergemeinschaft Mecklenburg-Vorpommern mit dem Unternehmen der Familie Grotelüschen sowie der PHW-Gruppe des Visbeker Unternehmers Paulheinz Wesjohann („Wiesenhof“, „Geestland“, „Lohmann & Co. AG“ u.v.m.). „Diese Dokumente legen nahe, dass die Mastputen-Brüterei Ahlhorn der Familie Grotelüschen bis ins Detail hinein in die Betriebsführung der Mastbetriebe Einfluss nehmen konnte und wohl auch genommen hat“, so die SPD-Agrarpolitikerin.
Danach sieht das „System Grotelüschen“ im Groben so aus:
Die Mastputen-Brüterei Ahlhorn expandierte in den 90er Jahren nach Mecklenburg-Vorpommern. In Neubrandenburg wurde etwa die Firma „Fitkost Geflügelverarbeitungs- und Vertriebsgesellschaft mbH“ gegründet. Diese Firma führt bis heute den Namenszug „Grotelüschen“ im Logo. Ziel der Firma ist die Schlachtung und Weiterverarbeitung von Mastputen. Im Zuge der Ansiedlung der Firma wurde in Mecklenburg-Vorpommern ein Netz von Putenmästereien aufgebaut, die vertraglich mit der Firma „Fitkost“ als Lieferanten verbunden sind. Diese Putenmäster sind zudem vertraglich an die Mastputen-Brüterei Ahlhorn gebunden, von denen sie die Küken beziehen.
Über die jetzige Ministerin Grotelüschen berichtet der Deutsche Bundestag in seinem Internet-Angebot, dass sie „1995 Prokuristin der Niederlassung in Mecklenburg-Vorpommern“ wurde. Über das Verhältnis der in der Putenerzeugergemeinschaft Mecklenburg-Vorpommern zusammengeschlossenen Mäster zur Mastputen-Brüterei Ahlhorn gibt der Gesellschaftsvertrag Auskunft. Danach sind die Mäster verpflichtet_
- ihre Küken von Grotelüschen zu beziehen,
- die schlachtreifen Tiere an „Fitkost“ zu liefern, beziehungsweise an weitere Schlachtereien, deren Belieferung die Gesellschafterversammlung mit einer Mehrheit von 70 Prozent beschlossen hat,
- ihre Erzeugung entsprechend den Beschlüssen der Geschäftsführung und der Gesellschafterversammlung den Erfordernissen des Marktes anzupassen sowie
- festgelegte Erzeugungs- und Qualitätsregeln zu befolgen.
(Quelle: Gesellschaftsvertrag, Paragraph 10)
Verstöße gegen diese Regeln können zu rigiden Strafen führen. Insbesondere wird im Gesellschaftsvertrag Wert darauf gelegt, dass es keine Unterbrechung bei den Mastperioden gibt. Wer sich als Landwirt entschließt, eine Mastperiode auszusetzen, muss mit empfindlichen Strafen rechnen. Die Mastputen-Brüterei Ahlhorn hält 30 Prozent der Anteile der Erzeugergemeinschaft und ist damit der mit Abstand größte Anteilseigner. Im dreiköpfigen Aufsichtsrat der Erzeugergemeinschaft ist ein Platz für den Geschäftsführer der Mastputen-Brüterei Ahlhorn reserviert. (Quelle: Gesellschaftsvertrag, Paragraphen 3 und 13)
Die Rechte der Putenmäster auf Einflussnahme in die Produktionskette erschöpfen sich nahezu darin, der Gesellschaftsversammlung oder der Geschäftsführung der Erzeugergemeinschaft Vorschläge zu machen. Die Mäster dürfen zwar die Einstallung von Küken verweigern, zuvor müssen sie aber mindestens zwei Mastperioden defizitär gearbeitet haben. (Quelle: Gesellschaftsvertrag, Paragraph 9)
Bezeichnenderweise haben die Putenerzeugergemeinschaft Mecklenburg-Vorpommern und die Firma Fitkost die annähernd gleiche Adresse in Neubrandenburg. Angaben aus dem Internet variieren lediglich in der Hausnummer.
Die Firma Fitkost schreibt übrigens rote Zahlen. Ausweislich des jüngsten Jahresabschlusses aus dem Jahr 2009 wurde ein Verlust von rund 119.000 Euro erwirtschaftet. Den Verlust trägt die Mastputen-Brüterei Ahlhorn. Im Abschluss heißt es wörtlich: „ (…) Die Gesellschaft schloss das Geschäftsjahr mit einem Verlust in Höhe von -119.210 €. Der ausgewiesene Verlust wird aufgrund des Beherrschungs- und Ergebnisabführungsvertrages von der Mastputen Brüterei Ahlhorn GmbH & Co. KG, Ahlhorn übernommen. (…)“ (Quelle: Elektronischer Bundesanzeiger)
Ausweislich des Auszugs aus dem Handelsregister beim Amtsgericht Oldenburg (HRA 140439) gehört die Lohmann & Co AG, ein Tochterunternehmen der PHW-Gruppe, mit gleich hoher Einlage wie Garlich Grotelüschen (jeweils 260.000 Euro) zu den Kommanditisten der Mastputen-Brüterei Ahlhorn GmbH & Co. KG. Die PHW-Gruppe führt als Tochterunternehmen u.a. die Firmen „Fitkost“ in Neubrandenburg und „Geestland“ in Wildeshausen auf, was auf eine überaus enge Verknüpfung der PHW-Gruppe mit Grotelüschen schließen lässt.
Schröder-Ehlers: „Aus den Angaben ergibt sich folgendes Bild: Die Unternehmen Grotelüschen/PHW kontrollieren über vertragliche Regelungen die Arbeit der Putenmäster bis ins Detail. Produktionspläne, Entscheidungen darüber, wann wie viel Tiere eingestellt werden, fällen augenscheinlich nicht die Mäster, sondern der Lieferant Grotelüschen. Die Aufzuchtbedingungen werden von Grotelüschen diktiert, die Tiere in Unternehmen geschlachtet und weiterverarbeitet, an denen Grotelüschen zumindest beteiligt ist.
Anzunehmen ist, dass auch der Bezug von Futtermitteln von Unternehmen der PHW-Gruppe vorgeschrieben ist. Die Mäster haben die Tiere zu vorgegebenen Zeiten an die Schlachthöfe in Neubrandenburg und Wildeshausen abzugeben. In dieser engen Taktung bleibt für eigenverantwortliche Entscheidungen der Mäster kaum Raum. Dass Frau Grotelüschen, die dieses System mitaufgebaut und mitgetragen hat, von den Verhältnissen bei den Putenmästern nichts wissen will, ist ausgesprochen unglaubwürdig“, sagte Schröder Ehlers.
Die Aussage des Sprechers des Landwirtschaftsministeriums ,Man kann ja auch nicht einen Autohändler verknacken, wenn dessen Kunde beim Rasen geblitzt wird‘, wiedergegeben von der Frankfurter Rundschau, ist angesichts des aufgezeigten Beziehungsgeflechts als Vergleich abwegig und unzulässig“, sagte Schröder-Ehlers.